
Die Idee, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden könne, ist schon wesentlich älter als die eigentliche Geburt der Homöopathie und wurde direkt vor Hahnemann von Anton Von Störck, dem Leibarzt Maria Theresias, formuliert. Von Störck* schlug 1762 die Verwendung des Stechapfels (Datura Stramonium) zur Behandlung von Geistesstörungen aus dem gleichen Gedanken vor. Auch er wollte 'Ähnliches mit Ähnlichem heilen' und hatte auch bereits sogenannte Arzneimittelprüfungen an Gesunden durchgeführt, um die Wirkung der Stoffe an diesen fest zu stellen. Interessanterweise wurde der Stechapfel wahrscheinlich das erste Medikament überhaupt, das Hahnemann ab 1792, diesen vorgenannten Gedanken aufgreifend, bei seinem prominenten Patienten, dem geheimen Kanzleisekretär Klockenbring aus Hannover, 'homöopathisch' einsetzte.
Theoretische Gedanken hierzu gab es im Kleinen noch an einer weiteren, Hahnemann sicher bekannten, Stelle, nämlich bei dem oben bereits erwähnten C.W. Hufeland**, in dessen Journal die wesentlichen Veröffentlichungen Hahnemanns stattfanden. Dieser räsonierte schon 1795, also ein Jahr vor Hahnemann, 'ein stärkerer Reiz hebe einen schwächeren auf', was schließlich den theoretischen Überbau des homöopathischen Prinzips im Organon der Heilkunst §26 bildete. Die klare Ausformulierung und vor allem das Erkennen der notwendigen Ähnlichkeit geht allerdings einzig auf das Konto Hahnemanns, der 1796 bereits die Schrift 'Versuch über ein neues Prinzip ...' veröffentlichte und damals das Gesetz 'Similia similibus' erstmals präsentierte.
Eine weitere Quelle ist die "Medicina Spagyrica tripartita" von J. P. Rumelius aus dem Jahre 1648, der intensiv auf das hippokratische Wirkprinzip "Similia similibus curantur", "Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt", eingeht. Diese Schrift dürfte Hahnemann vermutlich bekannt gewesen sein, da sich das Werk in der Bibliothek des Baron Brukenthal befand, in der Hahnemann während seines Studiums für anderthalb Jahre arbeitete (s. M. Schmitz, "Strömungen in der Homöopathie", KVC Verlag 2002).
Was sich nun anschließt, sind Jahre des Experimentierens mit verschiedenen Mitteln und Dosierungsformen, wobei Hahnemann Zeit seines Lebens etwa 80 weitere Medikamente an sich selbst testete. In den letzten Jahren seiner Praxis in Paris verfügte er über fast 150 an Kollegen, Schülern und sich selbst ausgetestete homöopathische Potenzen. Die erste Säule der Homöopathie, die Arzneimittelprüfung am Gesunden und die akribische Aufzeichnung der beobachteten Symptome, war geschaffen. Gleichzeitig war Hahnmann auch der Erste seiner Zeit, der eine neue Arzneimittellehre erschuf, nach wissenschaftlichen Gesetzen austestete und somit den Spekulationen der zurückliegenden Jahrhunderte ein Ende bereitete, was selbst von vielen Größen der damaligen Schulmedizin, inclusive des oben erwähnten W. Cullen gefordert worden war.
*) s. dort v.a. den letzten Absatz, in dem sich bereits eine bemerkenswerte Parallele zur Homöopathie und ihren pflanzlichen Mitteln abzeichnet
**) Zitat nach Tischner: "Keine Homöopathie, aber wohl eine homöopathische Methode in der rationellen Therapie".