Das Potenzieren oder Verdünnen

Die Problematik der starken Verdünnung, die von den Kritikern der Homöopathie so hervorgehoben wird, wurde von Samuel Hahnemann sukzessive innerhalb von 30 Jahren (!) nach seiner Entdeckung des homöopathischen Heilprinzips entwickelt. Dies war insbesondere eine Reaktion auf Beobachtungen an Patienten, die auf immer größere Verdünnungen besser reagierten. Gleichzeitig hatte er natürlich auch Erfahrungen mit den "heroischen" Gaben der damaligen Universitätsschule, die ihm sehr mißfielen. Nichtsdestotrotz war das Potenzieren (= schrittweise Verdünnen und Verschütteln) schon in den Anfangsjahren der Homöopathie auch innerhalb ihrer Vertreter ein steter Zankapfel ('Hahnemannianer' gegen die 'kritisch naturwissenschaftliche Richtung', die primär mit niederen Potenzen therapierte;).
Dieser Streit legte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei. Dass man bei immer größeren Verdünnungen=Potenzen die Avogadro-Konstante hinter sich ließ und damit endgültig ins Immaterielle vorstieß* konnte von Hahnemann natürlich nicht wahrgenommen werden, da diese erst später entdeckt wurde und nachträglich den Namen eines Zeigenossen von Hahnemann erhielt (A. Avogadro, 1776-1856).

* Die meisten der heute benutzten Globuli enthalten kein Molekül des ursprünglichen Wirkstoffes mehr

Trotzdem war Hahnemann sich der Schwierigkeit bewusst, welche Probleme seine astronomischen Verdünnungen bei seinen Zeitgenossen hervorriefen und hielt die Veröffentlichung seines letzten Schrittes, die Einführung der sog. LM oder Q-Potenzen (Verdünnungsschritt 1:50.000 statt 1:10 oder 1:100 wie bei d- und c-Potenzen) zeitlebens geheim. Lediglich sein Freund und Kollege Klemens von Bönninghausen war grob informiert. Da diese Vorsicht konsequent auch von seiner zweiten Frau Melanie fortgesetzt wurde, dauerte die Veröffentlichung dieser Methode in der 6. Auflage des "Organon der Heilkunst" bis in die zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Die amerikanischen Homöopathen des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts führten die Homöopathie also ohne diese Methode zu einer bislang einzigartigen Blüte mit mehreren Hochschulen, breiter öffentlicher Anerkennung und sensationellen medizinischen Erfolgen.

Tatsächlich ist in den meisten Fällen nicht sicher bekannt, in welchen Potenzen Hahnemann selbst seine Medikamente verordnete. So recht wohl fühlte er sich bei diesen zunehmend astronomischen Verdünnungen jedoch nicht. Tischner schreibt in "Das Werden der Homöopathie": "Als er im Jahre 1820 die 30 C zur Regelgabe erklärt hatte, schrieb er an seinen Anhänger Schreter: 'Ich billige es nicht, wenn Sie die Arzneien höher potenzieren wollen - einmal muß die Sache doch ein Ende haben und kann nicht ins Unendliche gehen!' ... "

Wenn er anfänglich noch vom "Verdünnen der Arzneien" sprach, um die starken Wirkungen der oft giftigen Agentien abzuschwächen, so stieß er rasch darauf, dass durch das wiederholte Schütteln und Reiben eine "Krafterhöhung" stattfinde, der er allerdings erst ab 1827 den Begriff "Potenzieren" aufprägte. Es hatte also mehr als 30 Jahre gedauert, bis Hahnemann nach seiner Erstanwendung des homöopathischen Prinzips bei Klockenbring der Technik einen Namen gab, die später den Gegnern soviel Angriffsfläche bieten sollte. In der Anfangsphase bewegten sich die Potenzen übrigens durchaus in stofflichen Bereichen. Noch zu Lebzeiten Hahnmanns, primär während seiner Köthener Zeit 1821 bis 1834, bildete sich die kritisch-naturwissenschaftliche Richtung innerhalb der Homöopathen heraus, die fast ausschließlich Niedrigpotenzen verwendete, polypragmatisch vorging und von Hahnemann in häufigen schriftlichen Angriffen verächtlich als "Bastardhomöopathie" verunglimpft wurde.
In vielem entsprechen sie den heutigen, teils allopathisch, teils homöopathisch tätigen Allgemeinmedizinern. Hierbei werden auch homöopathische Medikamente häufig nach allopathischen Indikationen verordnet oder wenigstens nur minimal differenziert. Typische Anwendungsbeispiele hierfür sind Arnica bei Verletzungen und Hämatomen oder Ferr-p und Belladonna bei Fieber.