Die Heilung allgemein und speziell in Allopathie und Homöopathie

In einem Vortrag von Univ. Prof. W. N. Paul, dem neuen Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin in Mainz, gehalten am 27.10.2004 anlässlich einer Sitzung der Medizinischen Gesellschaft Mainz, wurde eine Folie gezeigt, aus der sich das gesamte Dilemma der Homöopathie speziell im universitären Medizinwesen der heutigen Zeit ableiten lässt:

Dargestellt waren verschiedene Optionen der Herangehensweise an eine Therapie, das "Humanexperiment", der "Klinische Versuch", der (individuelle) "Heilversuch" und die "tägliche Praxis". Aufgelistet wurden dann die daraus abzuleitenden Profite im wissenschaftlichen, medizinischen und sozialen Sektor, bzw. deren Bewertung mittels unterschiedlich vieler Pluszeichen.

Unter dem vorgegebenen Heilrahmen des "Heilversuches" zeigt sich ein starker Benefit für den Patienten in sozialer Hinsicht, was dem entspricht, was ein Patient von einem Arzt erwartet, nämlich Genesung oder zumindest Besserung. Auf der anderen Seite ist hier der Profit auf wissenschaftlicher und demgemäß auch auf medizinischer Seite gering, eine weiter zu verallgemeinernde Schlussfolgerung kann aus einem solchen individuellen Verlauf nicht geschlossen werden. Allerdings können im System der Homöopathie durchaus andere von geheilten Fallberichten profitieren, nicht aber in einer generellen Hinsicht oder in Hinsicht auf ein neues wissenschaftliches Therapieverfahren gegen die Beschwerde xy, so dass eine Anwendung des Schaubildes auf das Lehrgebäude der Homöopathischen Medizin durchaus ein Plus unter der Überschrift "Medizinischer Benefit" verdient hätte, was nicht der Fall war. Jeder Patient muss in der homöopathischen Therapie eben stark individualisiert werden, nur durch eine genaue Übereinstimmung zwischen Symptomen aus einer Arzneimittelprüfung und den aktuellen Symptomen des Patienten wird sich unter weiterer Berücksichtigung von möglichen Verläufen bei verschiedenen Pathologien schließlich eine Heilung herbeiführen lassen. Der allseits angestrebte "wissenschaftliche Durchbruch" im Sinne eines Mittels oder einer Therapie, die nun auf breiter Basis gegen eine Erkrankung einsetzbar ist, kann hierdurch per se nicht erreicht werden, weshalb das Fehlen eines wissenschaftlichen Benefit sicher auch hier gerechtfertigt erscheint. Das allgemeine Interesse von Ärzten an der homöopathischen Therapie ist vielleicht auch deshalb seit 200 Jahren beschränkt und hält sich konstant (in Deutschland, aber auch in anderen Ländern nicht wesentlich verschieden) bei etwa 1 bis 2 Prozent aller tätigen Mediziner, die sie aktiv und vornehmlich praktizieren.

Auf der anderen Seite, und auch das zeigt das Bild sehr schön, ist der praktische Nutzen des Patienten, hier als "sozialer Benefit" tituliert, im Rahmen eines solchen Heilversuches am größten. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Homöopathie von Anfang an eine breite Basis in großen Laienvereinen besaß und dort über eine größere Anhängerschaft verfügte als unter den Medizinern. Hier darf man ein ganz pragmatisch auf Heilung oder zumindest auf Besserung ausgerichtetes Streben von vorne herein annehmen, eine Absicht, der die Homöopathie recht unproblematisch und ohne weitschweifigen theoretischen Überbau normalerweise schnell nachkommt.

Aus den Szenarien "klinischer Versuch" und "Humanexperiment" lassen sich große wissenschaftliche Benefite ziehen (und damit natürlich auch wirtschaftliche). Für den einzelnen Patienten aber, wieder der "soziale Profit", ist dies, auch in dem Schaubild, wesentlich geringer eingestuft worden. Wird hier nicht auch eine gewisse inhumane Wertschätzung bloßgelegt?