Hahnemann und der Kaffee oder
"Wie kam es zum Chinarindenversuch und damit zum Beginn der Homöopathie?"

Es scheint leicht zu sagen, Hahnemann habe den Chinarindenversuch an sich selbst durchgeführt, um zu sehen, wie die Chinarinde einmal gegen Wechselfieber eingesetzt wird und einmal dem Wechselfieber ähnliche Symptome ('ohne eigentliche Fieberschauder') beim Gesunden, der sie einnimmt, hervorruft.
Hat er aber bereits gewusst oder zumindest geahnt, dass die Einnahme von Chinarinde derartige Beschwerden hervorruft, oder hat er lediglich von der magenstärkenden Wirkung bei Cullen* gelesen und wollte dies testen? Tatsächlich fragt er sogar schriftlich, was Cullen damit gemeint haben könne, dass die Chinarinde "mittels ihrer auf den Magen ausgeübten stärkenden Kraft " auf das Wechselfieber "wirke ..." .
Hahnemann wehrte sich schon bei der Lektüre gegen diese Theorie und schreibt: "Man kann durch Vereinigung der stärksten bitteren und der stärksten adstringierenden Substanzen eine Zusammensetzung bekommen, welche in kleinerer Gabe weit mehr von beiden Eigenschaften besitzt, als die Rinde hat, und doch wird in Ewigkeit kein Fieberspezifikum aus einer solchen Zusammensetzung". Und versuchte es dann einfach an sich selbst. Aber weshalb? Hatte Hahnemann einen schwachen Magen und wollte die magenstärkende Wirkung versuchen? Wollte er gar nicht das altbekannte und seit Hippokrates immer wieder in individueller Ausprägung angewandte "Similia similibus" austesten, sondern eher herausfinden, ob die Chinarinde nicht etwas für seinen Magen tun könnte? Und entdeckte er dabei die Spur zum größten und universalsten Heilgesetz aller Zeiten, sozusagen en passant?
Zu dieser Vorstellung eines schwachen Magens passt auch sein dauerndes Wettern gegen den Kaffee, über dessen krankmachende Wirkungen er in übertriebener Weise anno 1803 eine kleine Schrift veröffentlicht hatte, und über die schon Tischner in oben bereits zitiertem Werk auf S. 47 schreibt: "Vielleicht hat er ihn selbst nicht recht vertragen und deshalb so schwarz gesehen, ...". Auch im Organon ist es der Kaffee, dessen schädliche Wirkung als erste genannt wird, und der bei chronisch Kranken das wichtigste Heilungshindernis darstellt (Fußnote §260).
War es also Hahnemanns schwacher Magen (gemeinsam natürlich mit seinem lebhaften und wißbegierigen Geist), der zur Entdeckung des homöopathischen Prinzips führte?
Tatsächlich konnte er die Teile des sich nach seinem Selbstversuch ergebenden Puzzles dann aber rasch zusammensetzen, kannte er doch die subjektiven Symptome der Malaria gut, da er selbst an einer solchen in seiner Zeit als Bibliothekar des Statthalters Baron Brukenthal in Siebenbürgen gelitten hatte. Tatsächlich war die heute vor allem als Tropenkrankheit bekannte Malaria damals in weiten Teilen Europas noch endemisch und die Chinarinde ein wichtiges und wirtschaftlich bedeutendes Exportprodukt Südamerikas zur Therapie eben jener. In seinem Selbstversuch erlebte Hahnemann also die damals in Siebenbürgen bereits durchlittenen Beschwerden neu und konnte auch ohne die typischen Fieberschauer, die zur eigentlichen Diagnose sicher notwendig sind, sagen, dass sich die Malaria sehr ähnlich subjektiv anfühlte wie jetzt die Einnahme der Chinarinde in seinem gesunden Körper. Der Rest ist Geschichte, kannte sein belesener Geist doch die bisher eher schwammige Theorie des "Similia similibus curantur", die seit Hippokrates immer wieder formuliert worden war, und von der er nun ein beeindruckendes Beispiel am eigenen Leib erfahren hatte. Gleichzeitig war eine der Säulen der Homöopathie, nämlich der Arzneiversuch am Gesunden, damit fest begründet, nachdem Von Störck ihn fast eine Generation zuvor bereits angewandt und vorgeschlagen hatte.

*Cullen: "Abhandlung über die Materia medica", 2 Bde., Leipzig 1790 aus Tischner: "Das Werden der Homöopathie", S. 38