
Die Frage nach der Entdeckung der Homöopathie läßt sich nicht mit einem Satz beantworten. Tatsächlich verwandte Hahnemann, der als Arzt ein unermüdlicher Sucher nach einem funktionierenden Heilsystem war, fast 50 Jahre, um die klassische Homöopathie zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen, und die letzten, in Paris ausgearbeiteten Schritte, wurden erst nahezu 80 Jahre nach seinem Tod der Öffentlichkeit, bzw. den Homöopathen, zugänglich gemacht. Die erste Erwähnung des Wortes "homöopathisch" findet sich übrigens in einem 1807 erschienenen größeren Artikel, der unter dem Titel "Fingerzeige auf den homöopathischen Gebrauch der Arzneien" im "Journal der practischen Arzneykunde", BD. 26 erschien. Dies war eine zur damaligen Zeit sehr angesehene "schulmedizinischen" Zeitschrift, deren Herausgeber, Christoph Wilhelm Hufeland, Hahnemann wohlgesonnen war und immer wieder auch selbst Versuche in dieser Richtung anstellte. In diesem Artikel versucht Hahnemann 'sein Prinzip' durch Zitieren einer größeren Menge fremder Fallbeispiele, in denen er eine Heilung nach dem Prinzip des "Similia similibus curentur" zu erkennen glaubt, zu untermauern (s. Tischner: "Das Werden der Homöopathie", Stuttgart 2001, S. 57).
Am Anfang der Geschichte stand jedoch, wie oben bereits erwähnt, ein von der Medizin der damaligen Zeit frustrierter und nun wegen seiner Sprachbegabung als Übersetzer tätiger Samuel Hahnemann, der mehrere Praxen geführt und wieder geschlossen hatte. Immer war er mit den Heilergebnissen unzufrieden gewesen und konnte sich mit diesem Zustand nicht abfinden. In einem Buch des berühmten schottischen Pharmakologen William Cullen über Heilpflanzen, das er gerade übersetzte, las Hahnemann über die angeblich magenstärkende Wirkung der Chinarinde, die deshalb gegen die zur damaligen Zeit auch in Europa endemische Malaria eingesetzt werden könne. Er führte noch im gleichen Jahr den legendären Chinarindenversuch an sich selbst durch (s. auch Gedanken zur Theorie: Hahnemann und der Kaffee), und was nun folgt, ist sein eigener Kommentar hierzu:
"Schon im Jahre 1790 ... machte ich mit der Chinarinde den ersten reinen Versuch an mir selbst ..., und mit diesem ersten Versuch ging mir zuerst die Morgenröthe zu der bis zum hellsten Tag sich aufklärenden Heillehre auf.
Ich nahm des Versuches halber etliche Tage zweimahl täglich jedesmal vier Quentchen gute China ein; die Füse, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Ängstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schaudern), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe in Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nacheinander, doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Mit kurzem: auch die mir bei Wechselfieber gewöhnlich besonders charakteristischen Symptomen, die Stumpfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in dem Periostium über allen Knochen des ganzen Körpers ihren Sitz zu haben scheint - alle erschienen. Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden jedesmahl, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf und war gesund."
Die Chinarinde hatte also wechselfieberartige Symtome bei einem gesunden Probanden (Hahnemann) ausgelöst, ein Symptomenkomplex, gegen den sie damals in der üblichen Medizin seit mehr als 100 Jahren verwandt wurde, weswegen sie ein Hauptexportprodukt Perus war, wo der Chinarindenbaum heimisch ist.
Dieser Versuch wurde nach einiger Zeit noch einmal wiederholt und führte zum selben Ergebnis, was Hahnmann nun befriedigte und zu weiteren Gedanken anspornte.